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Teil 1

Wie im Alter vom Vermögen leben – Entnahmestrategien: Die 4 % - Regel

Von: Mathias Lück – Finanzberatung Lück

Über Jahrzehnte hinweg dreht sich beim Thema Geldanlage fast alles um eine einzige Frage: Wie baue ich Vermögen auf? Doch irgendwann kehrt sich diese Frage um.

Wer in den Ruhestand geht, steht vor einer neuen, ungleich kniffligeren Aufgabe: Wie viel von meinem angesparten Vermögen darf ich eigentlich Jahr für Jahr ausgeben, ohne zu riskieren, dass mir das Geld vor dem Lebensende ausgeht. Und ohne mir umgekehrt jahrzehntelang aus übertriebener Vorsicht zu wenig zu gönnen?

Diese sogenannte „Entnahmephase" (englisch decumulation) ist die finanzielle Disziplin, die in der Ratgeberliteratur lange Zeit ein Schattendasein fristete. In dieser mehrteiligen Blog-Serie wollen wir uns die wichtigsten Entnahmestrategien systematisch und für Einsteiger verständlich ansehen. Den Anfang macht der Klassiker und gedankliche Ausgangspunkt aller Entnahmestrategien: die berühmte „4-Prozent-Regel", in der Fachsprache auch als Safe Withdrawal Rate (sichere Entnahmerate, kurz SWR) bekannt.

 

Woher die 4-Prozent-Regel stammt

Die 4-Prozent-Regel geht auf den US-amerikanischen Finanzplaner William Bengen zurück, der seine Untersuchung im Oktober 1994 im Journal of Financial Planning unter dem Titel „Determining Withdrawal Rates Using Historical Data" veröffentlichte. Bengen stellte sich eine im Grunde simple Frage: Welchen Betrag hätte ein Ruheständler seinem Portfolio im ersten Jahr entnehmen und anschließend jährlich an die Inflation anpassen können, sodass das Vermögen auch unter den historisch schlechtesten Marktbedingungen mindestens 30 Jahre gehalten hätte?

Um das zu beantworten, rechnete Bengen sämtliche rollierenden 30-Jahres-Zeiträume der US-Kapitalmarktgeschichte durch, inklusive verheerender Phasen wie der Weltwirtschaftskrise ab 1929 und der Stagflation der 1970er Jahre. Seine Modellannahme war ein Portfolio aus 50 % US-Aktien und 50 % mittelfristigen US-Staatsanleihen, ohne Berücksichtigung von Kosten und Steuern.

Das Ergebnis: Die höchste anfängliche Entnahmerate, die selbst im allerschlechtesten historischen Startjahr – einem Ruhestandsbeginn Mitte der 1960er Jahre – nicht zur Pleite führte, lag bei rund 4,15 %. In einer Publikation wurde dieser Wert auf glatte 4 % abgerundet, und diese runde Zahl ist seither hängengeblieben.

 

Wie die Regel konkret funktioniert

Das Schöne an der 4-Prozent-Regel ist ihre verblüffende Einfachheit. Sie lässt sich in zwei Schritten erklären:

Schritt 1 – das erste Jahr: Im ersten Ruhestandsjahr entnimmt man 4 % des Anfangsvermögens. Wer mit 500.000 Euro in den Ruhestand startet, hebt also im ersten Jahr 20.000 Euro ab. Wer eine Million Euro besitzt, entnimmt 40.000 Euro.

Schritt 2 – alle folgenden Jahre: In den Folgejahren wird nicht mehr 4 % des jeweils aktuellen Vermögens entnommen, sondern der einmal festgelegte Eurobetrag lediglich an die Inflation angepasst. Steigen die Preise im zweiten Jahr um beispielsweise 3 %, entnimmt man statt 20.000 Euro nun 20.600 Euro – völlig unabhängig davon, ob das Portfolio inzwischen gewachsen oder geschrumpft ist.

Genau dieser Punkt ist ein verbreitetes Missverständnis: Es werden nicht jedes Jahr 4 % des aktuellen Depotwerts entnommen. Die 4 % kommen nur ein einziges Mal vor, nämlich zur Festlegung des Startbetrags. Danach lebt der Ruheständler von einem inflationsbereinigten, im Prinzip festen Einkommen. Ein Mechanismus, der ungefähr so funktioniert wie die jährliche Anpassung einer staatlichen Rente an die Lebenshaltungskosten.

Aus der Regel folgt eine praktische Faustformel, die im internationalen Raum sehr beliebt ist: Wer von seinem Vermögen leben will, braucht ungefähr das 25-Fache seiner jährlichen Ausgaben (denn 1 geteilt durch 0,04 ergibt 25). Wer also 40.000 Euro pro Jahr benötigt, sollte rund eine Million Euro angespart haben.

 

Die Stärke: Einfachheit und ein bewusst konservativer Puffer

Der größte Vorzug der 4-Prozent-Regel ist zugleich der Grund für ihre enorme Popularität: Sie ist leicht zu verstehen, leicht umzusetzen und gibt dem Anleger ein klares, planbares Einkommen. Es gibt nichts jährlich nachzurechnen, keine komplizierten Entscheidungen zu treffen, keine Marktbeobachtung. Man legt den Betrag einmal fest und passt ihn fortan nur an die Inflation an.

Hinzu kommt: Die Regel ist mit einem erheblichen Sicherheitspuffer konstruiert. Bengen kalibrierte sie auf das denkbar schlechteste historische Szenario. In der überwiegenden Mehrzahl aller untersuchten Zeiträume wäre eine deutlich höhere Entnahme problemlos möglich gewesen. Wer auf Nummer sicher gehen will und Wert auf maximale Planbarkeit legt, findet hier ein solides Fundament.

 

Die Schwächen: zu starr und zu pessimistisch zugleich

So bestechend einfach die Regel ist, so deutlich sind bei näherem Hinsehen ihre Schwächen. Sie folgen alle aus demselben Konstruktionsprinzip: „einmal festlegen und dann stur durchziehen".

Erstens ist die Regel für den Normalfall zu konservativ. Weil sie auf den schlimmsten aller historischen Startzeitpunkte ausgelegt ist, führt sie in den allermeisten Fällen dazu, dass der Anleger am Lebensende mit einem riesigen, ungenutzten Restvermögen dasteht.

 

Bengen selbst hat diesen Punkt in späteren Arbeiten betont: Über die letzten rund 100 Jahre lag die im Nachhinein tatsächlich tragfähige Entnahmerate im historischen Durchschnitt bei etwa 7 %, in besonders günstigen Startjahren sogar deutlich darüber. Wer stur bei 4 % bleibt, läuft also Gefahr, jahrzehntelang als wohlhabender Mensch unnötig sparsam zu leben und sich am Ende über das, was man sich alles hätte leisten können, zu ärgern.

Zweitens ignoriert die Methode vollständig, was am Markt tatsächlich geschieht. Ob die Börsen boomen oder gerade in einer schweren Krise stecken, der entnommene Betrag wird unbeirrt weiter an die Inflation angepasst. Diese Blindheit gegenüber dem Marktgeschehen ist im Krisenfall gefährlich. Das führt uns zum bedeutendsten unterschätzten Risiko der Entnahmephase.

 

Das Kernproblem: das Sequence-of-Returns-Risiko

Um zu verstehen, warum die Starrheit der 4-Prozent-Regel im ungünstigen Fall problematisch ist, muss man ein Phänomen kennen, das in der Ansparphase keine Rolle spielt, in der Entnahmephase aber alles entscheidet: das Sequence-of-Returns-Risiko, also das Risiko der Reihenfolge der Renditen.

In der Ansparphase ist die Reihenfolge der jährlichen Renditen letzten Endes gleichgültig.

Ob die guten Börsenjahre am Anfang oder am Ende kommen, spielt für das Endvermögen kaum eine Rolle, weil man laufend einzahlt und nichts entnimmt.

 

In der Entnahmephase kehrt sich das um. Wer Pech hat und gleich zu Beginn seines Ruhestands einen schweren Crash erlebt, entnimmt mitten in der Krise weiterhin denselben inflationsangepassten Betrag aus einem ohnehin geschrumpften Portfolio. Diese verkauften Anteile fehlen dann unwiederbringlich bei der späteren Erholung. Ein Effekt, der ein Portfolio dauerhaft beschädigen kann, selbst wenn die Märkte sich danach prächtig entwickeln. Genau dieser Mechanismus war es, der den schlechtesten historischen Startzeitpunkt zum schlechtesten machte: nicht eine niedrige Durchschnittsrendite, sondern eine ungünstige Reihenfolge mit schwachen Jahren am Anfang.

Die 4-Prozent-Regel reagiert auf dieses Risiko: Sie senkt den Startbetrag einfach so weit ab, dass selbst die schlimmste historische Renditereihenfolge überlebt worden wäre. Das funktioniert, ist aber teuer erkauft. Nämlich mit dem oben beschriebenen, meist viel zu sparsamen Konsum in allen anderen Fällen.

 

Wie tragfähig ist die Regel heute noch?

Wichtig ist, ein paar verbreitete Missverständnisse einzuordnen. Die 4-Prozent-Regel ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis einer historischen Rückrechnung mit ganz bestimmten Annahmen. Bengen selbst hat seine Zahl über die Jahre mehrfach nach oben korrigiert: 2006 auf 4,5 %, nachdem er dem Modellportfolio US-Nebenwerte (Small Caps) beigemischt hatte, und in einer 2023 veröffentlichten Aktualisierung auf rund 4,7 % für Portfolios mit höherem Aktienanteil. Bengen betont heute, dass die ursprünglichen 4 % nie als Standardwert für jeden gedacht waren, sondern als Untergrenze für den absoluten Krisenfall.

Gleichzeitig gibt es auch Kritik in die andere Richtung. Manche Beobachter halten die Regel angesichts hoher Aktienbewertungen und veränderter Anleihezinsen für möglicherweise zu optimistisch. Und schließlich beruht Bengens Originalstudie ausschließlich auf US-Kapitalmarktdaten – ein Markt, der historisch zu den erfolgreichsten überhaupt gehörte. Ob sich dieselben Zahlen auf einen global diversifizierten Anleger übertragen lassen, ist eine berechtigte und keineswegs triviale Frage.

 

Fazit und der Ausblick auf Teil 2

Die 4-Prozent-Regel ist und bleibt der unverzichtbare Ausgangspunkt jeder Beschäftigung mit dem Thema Entnahme. Sie ist einfach, planbar und mit einem soliden Sicherheitspuffer versehen. Wer maximale Einfachheit sucht und mit einem potenziell großen Restvermögen gut leben kann, ist mit ihr nicht schlecht beraten.

Ihre große Schwäche ist jedoch die Starrheit: Sie ist gleichzeitig zu pessimistisch für den Normalfall und blind gegenüber dem, was am Markt tatsächlich passiert. Sie löst das Sequence-of-Returns-Risiko, indem sie den Konsum pauschal nach unten drückt und kauft sich Sicherheit damit teuer ein.

Genau hier setzen die dynamischen Entnahmestrategien an, die in guten Zeiten mehr Konsum erlauben und in schlechten Zeiten gezielt gegensteuern, statt stur weiterzulaufen. Im zweiten Teil dieser Serie sehen wir uns die wohl bekannteste davon an: die Guardrail-Methode, zu Deutsch die „Leitplanken-Strategie".

 

Haftungsbegrenzung

Alle Informationen, Zahlen und Aussagen in diesem Artikel dienen lediglich illustrativen und didaktischen Zwecken und richten sich an die allgemeine Öffentlichkeit, nicht an einzelne Anleger. Unter keinen Umständen sollte dieser Artikel als Finanzberatung, Investitionsempfehlung oder Angebot verstanden werden. Historische Wertsteigerungen und Renditen bieten keinerlei Gewähr für zukünftig ähnliche Werte. Investieren in Wertpapiere bringt Verlustrisiken mit sich, bis hin zum Risiko des Totalverlusts.

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