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Teil 3

Wie im Alter vom Vermögen leben – Entnahmestrategien: Das Töpfe-Modell

Von: Mathias Lück – Finanzberatung Lück

In den ersten beiden Teilen dieser Serie haben wir uns mit der 4-Prozent-Regel und der Guardrail-Methode beschäftigt. Beide Strategien beantworten dieselbe Frage: wie viel darf ich jährlich entnehmen? Die eine starr, die andere dynamisch.

 

In diesem dritten Teil wechseln wir die Perspektive und fragen nicht mehr nach der Höhe der Entnahme, sondern nach ihrer Herkunft: Aus welchem Teil meines Vermögens nehme ich das Geld eigentlich, und vor allem in welcher Marktphase?

 

Damit sind wir beim Töpfe-Modell, im englischen Raum als Bucket-Strategie („Eimer-Strategie") bekannt. Es ist vermutlich der anschaulichste und psychologisch eingängigste aller Entnahmeansätze.

 

Die Grundidee: das Vermögen in Töpfe aufteilen

Statt das gesamte Ruhestandsvermögen als einen einzigen, undifferenzierten Block zu behandeln, teilt man es bei der Töpfe-Strategie gedanklich in mehrere Behälter auf, die sich nach Risiko und zeitlichem Verwendungshorizont unterscheiden. In der gängigsten Variante sind das drei Töpfe:

 

Topf 1 – Cash (kurzfristig). Hier liegen ein bis drei Jahresausgaben in sicheren, jederzeit verfügbaren Mitteln: Tagesgeld, Festgeld, Geldmarktfonds. Aus diesem Topf bestreitet man den laufenden Lebensunterhalt. Sein Zweck ist nicht Rendite, sondern Ruhe: Solange dieser Topf gefüllt ist, weiß man, dass die nächsten Jahre gesichert sind, egal was die Börse macht.

 

Topf 2 – Anleihen (mittelfristig). Dieser Topf enthält typischerweise weitere ein bis drei Jahresausgaben, überwiegend in qualitativ hochwertigen, mittelfristigen Anleihen. Er ist der Puffer zwischen dem sicheren Cash-Topf und dem schwankungsreichen Aktien-Topf: etwas mehr Renditechance als Cash, aber deutlich stabiler als Aktien.

 

Topf 3 – Aktien (langfristig). Hier liegt der große Rest, breit und global diversifiziert in Aktien investiert. Zuständig für weiteres Wachstum im Portfolio.

 

Die genaue Anzahl der Töpfe und Größen sind keine Naturkonstanten und werden je nach Risikotoleranz und persönlicher Präferenz unterschiedlich angesetzt. Das Grundprinzip aber bleibt immer gleich: Mehrere Jahre an Ausgaben liegen in risikoärmeren Anlagen bereit, sodass man in schlechten Börsenphasen nicht gezwungen ist, an den Aktien-Topf zu gehen.

 

Warum das gegen das Sequence-of-Returns-Risiko hilft

Der eigentliche Sinn der Aufteilung erschließt sich erst vor dem Hintergrund jenes Risikos, das wir schon in den ersten beiden Teilen kennengelernt haben: das Sequence-of-Returns-Risiko, das Risiko der ungünstigen Reihenfolge der Renditen. Wer gleich zu Beginn des Ruhestands einen schweren Crash erlebt und mitten in der Krise Aktienanteile verkaufen muss, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, beschädigt sein Portfolio dauerhaft und die verkauften Anteile fehlen bei der späteren Erholung.

 

Genau hier setzt das Töpfe-Modell an. In einer Börsenkrise greift man nicht auf den eingebrochenen Aktien-Topf zu, sondern lebt vom Cash- und Anleihen-Topf. Diese beiden Töpfe decken zusammen mehrere Jahre an Ausgaben ab. Und ein Zeitraum von rund fünf Jahren hat in der Vergangenheit nahezu fast immer ausgereicht, damit sich der globale Aktienmarkt von selbst schweren Einbrüchen wieder erholt hat. Man verschafft sich also bewusst die Zeit, die der Aktien-Topf zur Erholung braucht, ohne ihn im ungünstigsten Moment anzapfen zu müssen.

 

Damit knüpft das Töpfe-Modell direkt an einen Gedanken an, der für jeden langfristigen Aktienanleger zentral ist: die Resilienz des globalen Aktienmarktes. Über die vergangenen 125 Jahre hat sich der Weltaktienmarkt nach jeder noch so schweren Krise wieder erholt. Vorausgesetzt, der Anleger war breit und global diversifiziert und konnte (oder musste) nicht im Tief verkaufen.

 

Wie das Nachfüllen funktioniert

Eine berechtigte Frage lautet: Wenn ich laufend aus dem Cash-Topf lebe, ist der doch irgendwann leer. Wie wird er wieder gefüllt?

 

In guten und normalen Börsenjahren entnimmt man aus dem Aktien-Topf und füllt damit den Cash-Topf wieder auf, falls dieser zu einem früheren Zeitpunkt belastet wurde. In schlechten Börsenjahren unterlässt man dieses Nachfüllen aus dem Aktien-Topf und lebt stattdessen vom vorhandenen Cash und gegebenenfalls aus dem Anleihen-Topf. Sobald sich der Aktienmarkt erholt hat, nimmt man das Auffüllen wieder auf.

 

In der Praxis verschwimmt dieser Mechanismus stark mit dem ganz normalen Rebalancing eines gemischten Portfolios. Ein Punkt, der für die Kritik am Modell wichtig ist und auf den wir gleich kommen.

 

Die große Stärke: Psychologie und Disziplin

Der wahre Wert des Töpfe-Modells liegt weniger in der Finanzmathematik als in der Psychologie. Der Bucket-Ansatz wurde in den 1980er Jahren von dem US-amerikanischen Finanzplaner Harold Evensky entwickelt, und sein erklärtes Ziel war von Anfang an ein verhaltensökonomisches: Anleger sollten in Börsenkrisen ruhig bleiben und nicht in Panik ihre eingebrochenen Aktien verkaufen.

 

Hier liegt die eigentliche Leistung des Modells. Der größte Feind des Ruheständlers ist nicht die Mathematik, sondern die eigene Nervosität. Wer in einem 40-Prozent-Crash genau weiß, dass seine nächsten Jahre über sichere Töpfe gedeckt sind, der hält den Einbruch des Aktien-Topfs eher aus, ohne zum schlechtesten Zeitpunkt das Handtuch zu werfen. Die Aufteilung in greifbare „Eimer" und die Umrechnung in Jahre statt in abstrakte Prozentsätze gibt vielen Menschen genau die Gelassenheit, die nötig ist, um an einer langfristigen Aktienstrategie festzuhalten.

 

Die Kritik: ein cleveres Etikett auf einer bekannten Sache?

So überzeugend die psychologische Wirkung ist, so berechtigt sind die kritischen Einwände.

 

Der zentrale Kritikpunkt: Aus rein finanzieller Sicht ist ein Drei-Töpfe-Portfolio nichts anderes als eine bestimmte Vermögensaufteilung (Asset-Allokation) mit einem neuen, anschaulichen Etikett. Ein Portfolio mit einem kleinen Cash-Topf, einem mittleren Anleihen-Topf und einem großen Aktien-Topf ist mathematisch im Wesentlichen identisch mit einem klassischen gemischten Portfolio derselben Gesamtquote, das man schlicht regelmäßig rebalanciert.

 

Hinzu kommt: Ein dauerhaft hoch gehaltener Cash-Topf kostet Rendite, weil dieses Geld langfristig kaum für einen wächst. Und je mehr Töpfe man einführt, desto höher werden Komplexität und jährlicher Verwaltungsaufwand ohne klaren finanziellen Mehrwert. Bezeichnenderweise bevorzugt selbst Erfinder Harold Evensky bis heute die schlankere Variante mit nur einem Cash-Topf.

 

Die ehrliche Einordnung lautet also: Das Töpfe-Modell erfindet finanzmathematisch nichts Neues. Sein Wert liegt fast ausschließlich im Verhaltensökonomischen. In der Disziplin und Ruhe, die es seinem Anwender verschafft. Für manche Anleger ist genau das Gold wert; für andere ist es überflüssige Komplexität.

 

Fazit

Das Töpfe-Modell ist weniger eine eigenständige Entnahmeformel als vielmehr eine Art, ein Portfolio zu organisieren und mental zu rahmen. Es beantwortet nicht die Frage, wie hoch die Entnahme sein soll – dafür lässt es sich problemlos mit der 4-Prozent-Regel aus Teil 1 oder der Guardrail-Methode aus Teil 2 kombinieren –, sondern stellt sicher, dass man in Krisen nicht gezwungen ist, an den Aktien-Topf zu gehen.

 

Sein größter Vorzug ist zugleich seine ganze Begründung: Es hilft Menschen, in schwierigen Marktphasen die Nerven zu behalten und an einer langfristig überlegenen Aktienstrategie festzuhalten. Wer weiß, dass er diese Disziplin braucht, um nicht im Tief zu verkaufen, findet im Töpfe-Modell ein wertvolles Werkzeug. Wer ohnehin die Ruhe besitzt, ein einfaches gemischtes Portfolio diszipliniert zu rebalancieren, gewinnt finanziell wenig dazu.

 

Im nächsten Teil dieser Serie sehen wir uns eine weitere Entnahmestrategie an und vergleichen sie mit den bisher vorgestellten Methoden.

 

Haftungsbegrenzung

Alle Informationen, Zahlen und Aussagen in diesem Artikel dienen lediglich illustrativen und didaktischen Zwecken und richten sich an die allgemeine Öffentlichkeit, nicht an einzelne Anleger. Unter keinen Umständen sollte dieser Artikel als Finanzberatung, Investitionsempfehlung oder Angebot verstanden werden. Historische Wertsteigerungen und Renditen bieten keinerlei Gewähr für zukünftig ähnliche Werte. Investieren in Wertpapiere bringt Verlustrisiken mit sich, bis hin zum Risiko des Totalverlusts.

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