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Teil 2

Wie im Alter vom Vermögen leben – Entnahmestrategien: Die Guardrail-Methode

Von: Mathias Lück – Finanzberatung Lück

Im ersten Teil dieser Serie haben wir uns mit der berühmten 4-Prozent-Regel beschäftigt. Dem klassischen Ausgangspunkt jeder Beschäftigung mit der Frage, wie man im Ruhestand von seinem Vermögen lebt. Ihr größter Vorzug ist die Einfachheit, ihre größte Schwäche die Starrheit: Sie legt einen Entnahmebetrag einmal fest, ist dabei für den Normalfall zu pessimistisch und gleichzeitig starr gegenüber dem, was am Markt tatsächlich geschieht.

 

In diesem zweiten Teil wenden wir uns einer Strategie zu, die genau diese Schwächen beheben will: der Guardrail-Methode, zu Deutsch der „Leitplanken-Strategie". Sie ist die wohl bekannteste der sogenannten dynamischen Entnahmestrategien.

 

Die Grundidee: Leitplanken statt starrem Kurs

Die Guardrail-Strategie wurde 2006 von dem Finanzplaner Jonathan Guyton und dem Informatiker William Klinger in einem vielbeachteten Fachartikel im Journal of Financial Planning entwickelt und ist seither zu einem der bekanntesten dynamischen Entnahmeansätze überhaupt geworden. Der Grundgedanke lässt sich mit einem Bild aus dem Straßenverkehr beschreiben, das auch namensgebend war:

 

Stellen Sie sich Ihre jährliche Entnahme wie ein Auto vor, das eine Straße entlangfährt. Solange das Fahrzeug ungefähr in der Spur bleibt, lässt man es einfach fahren, kleine Schwankungen nach links und rechts sind erlaubt und kein Grund einzugreifen. Erst wenn das Auto so weit von der Mitte abkommt, dass es an eine der beiden Leitplanken („Guardrails") stößt, wird sanft gegengelenkt. Diese Leitplanken verhindern, dass man von der Straße abkommt.

 

Übertragen auf den Ruhestand bedeutet das: Man legt nicht stur einen Eurobetrag fest, sondern beobachtet die jährliche Entnahmerate, also den Anteil, den die diesjährige Entnahme am aktuellen Portfoliowert ausmacht. Solange sich diese Rate in einem definierten Korridor bewegt, ändert man nichts (außer der normalen Inflationsanpassung). Erst wenn die Rate eine der beiden Leitplanken durchbricht, wird die Entnahme angepasst. Nach unten, wenn das Vermögen geschrumpft ist, oder nach oben, wenn es kräftig gewachsen ist. Damit reagiert die Methode auf genau das, was die 4-Prozent-Regel ignoriert: die tatsächliche Marktentwicklung.

 

Die Regeln im Detail

Die ursprüngliche Guyton-Klinger-Methode besteht aus mehreren Entscheidungsregeln. Für das Verständnis der Kernmechanik genügen drei davon, die wir uns nun ansehen.

 

1. Die anfängliche Entnahmerate. Anders als bei der 4-Prozent-Regel erlaubt die Guardrail-Methode einen etwas höheren Startwert, in der Praxis häufig im Bereich von rund 5 bis 5,5 % des Anfangsvermögens. Diese höhere Anfangsentnahme ist möglich, weil die Flexibilität der späteren Anpassungen das zusätzliche Risiko abfedert. Wer also mit 500.000 Euro in den Ruhestand startet, könnte im ersten Jahr beispielsweise rund 25.000 Euro entnehmen statt der 20.000 Euro nach starrer 4-Prozent-Logik.

 

2. Die untere Leitplanke (Kapitalerhalt-Regel). Steigt die Entnahmerate aufgrund schlechter Marktentwicklung um 20 % über die anfängliche Rate, wird die Entnahme in Euro um 10 % gekürzt. Ein Beispiel: Wer mit 5 % gestartet ist, dessen untere Leitplanke liegt bei 6 % (das sind 20 % oberhalb von 5 %). Fällt das Portfolio so stark, dass die geplante Entnahme nun mehr als 6 % des geschrumpften Vermögens ausmacht, schaltet die Kapitalerhalt-Regel ein und reduziert die Ausgaben um 10 %. So wird verhindert, dass in einer Krise immer größere Anteile aus einem schrumpfenden Vermögen entnommen werden.

 

3. Die obere Leitplanke (Prosperitäts-Regel). Das Spiegelbild gilt nach oben: Fällt die Entnahmerate aufgrund kräftig gestiegener Portfoliowerte um 20 % unter die Anfangsrate, darf die Entnahme um 10 % erhöht werden. Bei einem Start mit 5 % läge diese obere Leitplanke bei 4 %. Sind die Börsen also gut gelaufen und die Entnahme macht nur noch 4 % oder weniger des gewachsenen Vermögens aus, darf man sich mehr gönnen. Diese Regel sorgt dafür, dass man in guten Zeiten tatsächlich etwas vom Vermögenszuwachs hat.

 

Zwischen diesen beiden Leitplanken wird der Entnahmebetrag schlicht jährlich an die Inflation angepasst, ohne weiteres Eingreifen. An dieser Stelle verhält sich die Guardrail-Methode also genauso wie die 4-Prozent-Regel.

 

Ein konkretes Zahlenbeispiel illustriert die untere Leitplanke am deutlichsten. Angenommen, ein Ruheständler entnimmt im ersten Jahr 4 % beziehungsweise 40.000 Euro aus einem Portfolio von einer Million Euro und gerät sofort in einen Crash, der den Portfoliowert um 30 % einbrechen lässt. Zu Beginn des zweiten Jahres stehen nur noch 672.000 Euro zur Verfügung. Die inflationsangepasste Entnahme von 40.928 Euro entspräche bei diesem reduzierten Vermögen einer Rate von 6,1 % – weit oberhalb der ursprünglichen 4 % – weshalb die Regel greift und der Betrag um 10 % auf 36.835 Euro gekürzt wird.

 

Abschließend sollte man auch erwähnen, dass diese Leitplanken individuell angepasst werden können. Jemand der sehr geringe Pflichtausgaben hat, kann die Werte deutlich höher festsetzen. Wichtig ist die Klarheit über den eigenen Konsum bzw. die eigenen Ausgaben und das einhalten der selbst festgelegten Werte.

 

Warum Flexibilität das Sequence-of-Returns-Risiko entschärft

Im ersten Teil haben wir das größte unterschätzte Risiko der Entnahmephase kennengelernt: das Sequence-of-Returns-Risiko, also das Risiko der Reihenfolge der Renditen. Wer gleich zu Beginn seines Ruhestands einen schweren Crash erlebt und stur weiter entnimmt, verkauft mitten in der Krise Anteile aus einem geschrumpften Portfolio. Anteile, die bei der späteren Erholung unwiederbringlich fehlen und das Portfolio dauerhaft beschädigen können.

 

Genau hier liegt die eigentliche Stärke der Guardrail-Methode. Während die 4-Prozent-Regel dieses Risiko nur dadurch bändigt, dass sie den Konsum von vornherein pauschal nach unten drückt, geht die Leitplanken-Strategie das Problem direkt an: Sie fährt die Ausgaben automatisch genau in den kritischen Krisenphasen zurück und schont das Portfolio dann, wenn es am verletzlichsten ist. Die Daten von Analysten, die historische Krisen durchgerechnet haben, sind in dieser Hinsicht eindrücklich. Eine anfängliche Entnahmerate von rund 5 % mit Leitplanken kann eine vergleichbare oder sogar bessere Erfolgsquote erreichen als die statische 4-Prozent-Regel und das bei spürbar höherem durchschnittlichem Lebensstandard.

 

Wichtig ist dabei ein Gedanke, den wir aus der Analyse der Resilienz des globalen Aktienmarkts kennen: Aktienmärkte haben über die vergangenen 125 Jahre eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit bewiesen und sich nach selbst schweren Einbrüchen historisch zuverlässig wieder erholt. Genau diese Erholung macht die Guardrail-Logik überhaupt erst sinnvoll: Man kürzt vorübergehend in der Krise, um an der praktisch immer folgenden Erholung mit einem intakten Portfolio teilzunehmen. Diese Logik gilt allerdings, wie auch sonst im Weltportfolio-Ansatz, nur für breit und global diversifizierte Buy-and-Hold Anlagen.

 

Vor- und Nachteile im Überblick

Wie jede Strategie ist auch die Guardrail-Methode nicht perfekt, sondern ein Bündel von Kompromissen. Die wichtigsten Vorteile:

 

Erstens ein höherer Lebensstandard: Der höhere zulässige Startwert und die Erhöhungen in guten Jahren bedeuten, dass man über den gesamten Ruhestand hinweg im Schnitt deutlich mehr ausgeben kann als mit der starren 4-Prozent-Regel. Zweitens ein wirksamer Schutz vor dem Sequence-of-Returns-Risiko durch die automatischen Kürzungen in Krisenphasen. Drittens ein klares, emotionsarmes Regelwerk: Die Entscheidungen sind im Voraus festgelegt, was in turbulenten Marktphasen davor schützt, aus Panik heraus überstürzt zu handeln.

 

Dem stehen Nachteile gegenüber. Der gewichtigste: Man muss bereit und in der Lage sein, die Ausgaben tatsächlich zu kürzen. Wer seinen kompletten Lebensunterhalt aus der Entnahme bestreitet und keinerlei Puffer hat, für den können 10-Prozent-Kürzungen schmerzhaft sein. In der Praxis lässt sich dieser Einwand entschärfen, indem man zwischen Pflichtausgaben (Miete, Lebensmittel) und Wunschausgaben (Reisen, Restaurantbesuche) unterscheidet. Sinnvollerweise treffen die Kürzungen Letzteres. Hinzu kommt: Die Methode ist rechnerisch aufwendiger als die simple 4-Prozent-Regel und erfordert eine jährliche Überprüfung. Und schließlich ist auch zu beachten, dass kritische Stimmen die ursprüngliche Guyton-Klinger-Variante für manche historische Krisenszenarien als zu riskant einstufen und alternative, simulationsbasierte Leitplankenmodelle vorschlagen, die mit kleineren Kürzungen auskommen.

 

Fazit

Die Guardrail-Methode ist ein eleganter Mittelweg zwischen zwei Extremen: der starren Sicherheit der 4-Prozent-Regel aus Teil 1 auf der einen und einem völlig planlosen „Ausgeben nach Gefühl" auf der anderen Seite. Ihr Grundprinzip – in guten Zeiten mehr genießen, in schlechten Zeiten rechtzeitig und kontrolliert zurückstecken – ist nicht nur finanzmathematisch überzeugend, sondern auch psychologisch entlastend, weil die Entscheidungen vorab geregelt sind.

 

Sie ist damit für viele Anleger die durchdachtere Weiterentwicklung der klassischen Entnahmelogik. In den nächsten Teilen dieser Serie werden wir uns weitere Entnahmestrategien ansehen und sie mit den beiden bisher vorgestellten Methoden vergleichen.

 

Haftungsbegrenzung

Alle Informationen, Zahlen und Aussagen in diesem Artikel dienen lediglich illustrativen und didaktischen Zwecken und richten sich an die allgemeine Öffentlichkeit, nicht an einzelne Anleger. Unter keinen Umständen sollte dieser Artikel als Finanzberatung, Investitionsempfehlung oder Angebot verstanden werden. Historische Wertsteigerungen und Renditen bieten keinerlei Gewähr für zukünftig ähnliche Werte. Investieren in Wertpapiere bringt Verlustrisiken mit sich, bis hin zum Risiko des Totalverlusts.

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