
Teil 4
Wie im Alter vom Vermögen leben – Entnahmestrategien: Das Töpfe-Modell und Guardrail in Kombination
Von: Mathias Lück – Finanzberatung Lück
In den ersten drei Teilen dieser Serie haben wir die wichtigsten Entnahmestrategien einzeln kennengelernt: die starre 4-Prozent-Regel, die dynamische Guardrail-Methode und das organisatorische Töpfe-Modell. Vielleicht ist es dem einen oder anderen schon aufgefallen: Die letzten beiden lösen eigentlich zwei verschiedene Probleme. Und genau deshalb lassen sie sich hervorragend zu einem einzigen, praxistauglichen System verbinden.
In diesem vierten Teil verlassen wir die graue Theorie und sehen uns an, wie eine solche Kombination im Alltag eines Ruheständlers konkret aussehen kann.
Warum die beiden Methoden sich ergänzen statt konkurrieren
Ein verbreiteter Denkfehler ist die Vorstellung, man müsse sich zwischen Guardrail und Töpfen entscheiden. Tatsächlich beantworten die beiden Ansätze unterschiedliche Fragen:
Die Guardrail-Methode beantwortet die Frage: Wie viel darf ich dieses Jahr entnehmen? Sie liefert eine Entnahmehöhe und passt diese dynamisch an die Marktlage an.
Das Töpfe-Modell beantwortet die Frage: Woraus nehme ich dieses Geld und vor allem, woraus gerade nicht? Es sorgt dafür, dass ich in einer Börsenkrise nicht gezwungen bin, eingebrochene Aktienanteile zu verkaufen.
Man kann das mit einem Haushalt vergleichen: Die Guardrail-Methode ist das Budget (wie viel gebe ich aus?), das Töpfe-Modell ist die Kontostruktur (von welchem Konto bezahle ich?). Beides zusammen ergibt erst ein vollständiges System. Die Guardrail gibt dem Töpfe-Modell die fehlende Entnahmeformel, und das Töpfe-Modell gibt der Guardrail-Methode die fehlende Antwort darauf, aus welchem Vermögensteil die jährliche Entnahme tatsächlich fließen soll.
Der gemeinsame Feind: das Sequence-of-Returns-Risiko
Beide Methoden zielen letztlich auf dasselbe Grundrisiko, das uns durch diese ganze Serie begleitet: das Sequence-of-Returns-Risiko, das Risiko der ungünstigen Reihenfolge der Renditen. Wer früh im Ruhestand einen schweren Crash erlebt und mitten in der Krise weiter Geld aus seinem Portfolio zieht, beschädigt es dauerhaft.
So sieht das kombinierte System konkret aus
Übersetzen wir das in eine greifbare Vorgehensweise. Wir bleiben bei einem einfachen Beispiel: Ein Ruheständler startet mit einem Vermögen von 600.000 Euro.
Schritt 1 – Die Töpfe aufbauen. Das Vermögen wird in drei Töpfe aufgeteilt:
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Cash-Topf: rund zwei Jahresausgaben in Tagesgeld/Geldmarktfonds.
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Anleihen-Topf: rund weitere drei Jahresausgaben in hochwertigen, mittelfristigen Anleihen.
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Aktien-Topf: der große Rest, breit und global diversifiziert (im Sinne des Weltportfolio-Gedankens).
Die sicheren Töpfe decken zusammen also rund fünf Jahre an Ausgaben ab. Genug Zeit, damit sich der Aktienmarkt historisch betrachtet von fast jeder Krise erholen konnte.
Schritt 2 – Die anfängliche Entnahme per Guardrail festlegen. Statt eines starren Werts wählt der Ruheständler eine anfängliche Entnahmerate im typischen Guardrail-Bereich von etwa 5 %, hier also 30.000 Euro im ersten Jahr. Die untere Leitplanke (Kapitalerhalt) liegt bei 6 %, die obere (Prosperität) bei 4 %, wie in Teil 2 ausführlich erklärt.
Schritt 3 – Den laufenden Bedarf immer aus dem Cash-Topf bestreiten. Die monatlichen Ausgaben werden grundsätzlich aus dem Cash-Topf gezahlt. Dieser ist die „Auszahlstelle" des Systems, egal, was die Börse gerade macht, das Geld zum Leben kommt immer aus diesem sicheren Topf.
Schritt 4 – Einmal im Jahr neu justieren. Hier laufen beide Methoden zusammen. Einmal jährlich (z. B. immer am selben Stichtag) prüft der Ruheständler zwei Dinge:
Erstens die Guardrail-Frage: Liegt meine geplante, inflationsangepasste Entnahme noch im Korridor zwischen 4 % und 6 % des aktuellen Gesamtvermögens? Falls die untere Leitplanke durchbrochen wurde (Markt stark gefallen), wird die Entnahme um 10 % gekürzt; falls die obere durchbrochen wurde (Markt stark gestiegen), darf sie um 10 % erhöht werden. Andernfalls nur die normale Inflationsanpassung.
Zweitens die Töpfe-Frage: Wie war das Börsenjahr, und soll ich den Cash-Topf nachfüllen?
Das Herzstück: die jährliche Nachfüll-Entscheidung
Der eigentliche Clou der Kombination liegt in der Logik des jährlichen Nachfüllens. Sie lässt sich auf eine einfache Faustregel herunterbrechen:
War das Aktienjahr gut? Dann „erntet" man Gewinne: Man verkauft Anteile aus dem Aktien-Topf und füllt damit den Cash-Topf wieder auf die Zielgröße auf (und entnimmt bei dieser Gelegenheit ggf. die per Guardrail erlaubte höhere Summe).
War das Aktienjahr schlecht (Krise)? Dann rührt man den Aktien-Topf nicht an. Man füllt den Cash-Topf stattdessen aus dem Anleihen-Topf nach oder zehrt ihn einfach weiter auf. Gleichzeitig hat die Guardrail-Kürzung den jährlichen Bedarf bereits gesenkt, sodass die sicheren Töpfe noch länger reichen.
Genau diese Kopplung ist es, die das System so robust macht. In schlechten Jahren wirken beide Mechanismen zusammen: Man entnimmt weniger (Guardrail) und man entnimmt es aus den sicheren Töpfen statt aus den Aktien (Töpfe-Modell). Der Aktien-Topf bekommt damit die nötige Ruhe, um an der – wie wir aus der Resilienz des globalen Aktienmarktes wissen – historisch zuverlässig folgenden Erholung teilzunehmen.
Ein Durchgang durch zwei gegensätzliche Jahre
Um das greifbar zu machen, zwei knappe Szenarien für unseren Beispiel-Ruheständler.
Ein Crash-Jahr. Die Börse bricht um 35 % ein. Der Aktien-Topf ist geschrumpft, das Gesamtvermögen ebenfalls. Die geplante inflationsangepasste Entnahme würde nun mehr als 6 % des reduzierten Vermögens ausmachen: die untere Leitplanke greift, die Entnahme wird um 10 % gekürzt. Bezahlt wird der (gekürzte) Bedarf weiter aus dem Cash-Topf. Der Aktien-Topf wird bewusst nicht angerührt; der Cash-Topf wird, falls nötig, aus dem Anleihen-Topf aufgefrischt. Ergebnis: kein einziger Aktienanteil im Tief verkauft, der Lebensunterhalt ist trotzdem gesichert.
Ein starkes Jahr. Die Börse legt kräftig zu. Das Gesamtvermögen ist gewachsen, die Entnahmerate fällt womöglich unter die obere Leitplanke von 4 %: die Prosperitäts-Regel erlaubt eine Erhöhung der Entnahme um 10 %. Bei dieser Gelegenheit verkauft der Ruheständler Anteile aus dem gut gelaufenen Aktien-Topf, gönnt sich die erhöhte Entnahme und füllt zugleich Cash- und Anleihen-Topf wieder auf die Zielgröße auf.
Vor- und Nachteile dieser Kombination
Der große Vorteil liegt auf der Hand: Man erhält ein System, das sowohl die Höhe der Entnahme intelligent steuert als auch die Reihenfolge der Verkäufe optimiert: mathematische Robustheit der Guardrail-Logik plus die psychologische Ruhe des Töpfe-Modells. Gerade dieser zweite Punkt ist nicht zu unterschätzen: Wer in einem 35-Prozent-Crash genau weiß, dass die nächsten Jahre über sichere Töpfe gedeckt sind und dass er seine Ausgaben ohnehin schon angepasst hat, dem fällt das Durchhalten erheblich leichter.
Ehrlich benennen muss man aber auch die Kehrseite, die wir schon in Teil 3 angesprochen haben: Komplexität. Diese Kombination erfordert eine disziplinierte jährliche Routine, das Führen mehrerer Töpfe und ein gewisses Maß an Rechnen. Und der altbekannte Einwand bleibt bestehen, dass es finanzmathematisch stark einem konsequent rebalancierten gemischten Portfolio mit dynamischer Entnahme ähnelt. Wer die Disziplin auch ohne die anschauliche Töpfe-Struktur aufbringt, kommt unterm Strich womöglich auf ein sehr ähnliches Ergebnis bei weniger Aufwand. Der Mehrwert der Kombination ist also vor allem ein praktischer und psychologischer.
Fazit
Die Verbindung von Guardrail-Methode und Töpfe-Modell ist für viele Ruheständler die praktisch überzeugendste Lösung, weil sie die beiden zentralen Fragen der Entnahmephase – wie viel und woraus – in einem schlüssigen, alltagstauglichen System zusammenführt. Sie steuert die Ausgaben dynamisch, sichert die Liquidität für schlecht laufende Aktienjahre und macht es dem Anleger leichter, in Krisen die Nerven zu behalten und an seiner langfristigen Aktienstrategie festzuhalten.
Sie ist allerdings kein Wundermittel: Der entscheidende Erfolgsfaktor bleibt, was er in allen vier Teilen dieser Serie war: eine vernünftige, global diversifizierte Asset-Allokation und die Disziplin, in schweren Marktphasen nicht das Handtuch zu werfen. Die hier beschriebene Kombination ist letztlich ein durchdachtes Werkzeug, das genau diese Disziplin unterstützt und in greifbare Schritte übersetzt.
Haftungsbegrenzung
Alle Informationen, Zahlen und Aussagen in diesem Artikel dienen lediglich illustrativen und didaktischen Zwecken und richten sich an die allgemeine Öffentlichkeit, nicht an einzelne Anleger. Unter keinen Umständen sollte dieser Artikel als Finanzberatung, Investitionsempfehlung oder Angebot verstanden werden. Historische Wertsteigerungen und Renditen bieten keinerlei Gewähr für zukünftig ähnliche Werte. Investieren in Wertpapiere bringt Verlustrisiken mit sich, bis hin zum Risiko des Totalverlusts.

