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Guide zu gehebelten ETFs

Teil 2 von 5

Dieses Dokument dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt weder Anlageberatung noch eine Anlageempfehlung dar. Es berücksichtigt keine individuellen Ziele, Risikoneigung oder finanziellen Verhältnisse. Gehebelte ETFs sind komplexe Produkte und können zu erheblichen Verlusten führen. Angaben zu Steuern und Recht sind allgemeiner Natur.

 

 

Kosten-, Struktur- und Finanzierungsmechanik gehebelter ETFs
1 Überblick über Kosten- und Struktur­ebenen
2 Verwaltungskosten
3 Der Swap als zentrales Instrument bei UCITS-Aktien-LETFs
3.1 Grundstruktur: Sicherheitenportfolio und Total-Return-Swap
3.2 Mathematische Darstellung
3.3 Kontrahentenrisiko und UCITS-Rahmen
4 Zins- und Finanzierungsmechanik (synthetische Finanzierung)
4.1 Grundprinzip der Finanzierung bei LETFs
4.2 Zinsumfeld und Kostendynamik
4.3 Basiszinsdifferenzen in der indexseitigen Finanzierung
4.4 Tracking-Differenzen, Performance Drift und Kostenwirkung
5 Langfristige Wirkung der Kosten
6 Entstehungsort der Kosten

 

Kosten-, Struktur- und Finanzierungsmechanik gehebelter ETF

1 Überblick über Kosten- und Struktur­ebenen

Die Kostenstruktur gehebelter UCITS-ETFs unterscheidet sich in mehreren Punkten von jener klassischer, ungehebelter UCITS-ETFs. UCITS-LETFs nutzen zur Erzeugung des Zielhebels in der Regel Derivate (insbesondere Swaps) und werden täglich auf ihren Zielhebel neu ausgerichtet (engl. rebalanced). Unter dem UCITS-Regime sind Derivateeinsatz, Leverage-Berechnung und Risikokontrolle durch die UCITS-Richtlinie und die ESMA-Guidelines zu ETFs klar geregelt. [1]

Aus Anlegersicht lassen sich die Kosten mehrschichtig gliedern:

  • explizite laufende Kosten in Form der im KIID ausgewiesenen Total Expense Ratio (TER),

  • implizite Kostenkomponenten aus Derivateeinsatz und Rebalancing (Swap-Spreads, Futures-Rollkosten, Handelskosten),

  • Finanzierungskosten (z. B. Geldmarktsätze mit ggf. Spreads, die in Swap- oder Indexmethodik eingehen).

 

2 Verwaltungskosten

Die Total Expense Ratio (TER) eines UCITS-LETFs umfasst die laufenden Verwaltungskosten des Fonds, insbesondere Managementgebühren, Depotbankkosten, regulatorische Aufwendungen und Fondsadministration. Sie wird als jährlicher Prozentsatz des NAV (Nettoinventarwert) angegeben und täglich anteilig aus dem Fondsvermögen entnommen.

Für klassische, breit diversifizierte Aktien-UCITS-ETFs liegen die laufenden Kosten (Ongoing Charges) im europäischen Markt inzwischen häufig im Bereich von etwa 0,05 % bis 0,30 % p. a. (Tendenz fallend). Für gehebelte Aktien-UCITS-ETFs liegen die ausgewiesenen TER-Werte spürbar höher; Beispiele großer Anbieter im europäischen Markt (z. B. Xtrackers oder Amundi) zeigen für 2x-Aktien-LETFs häufig TERs im Bereich von rund 0,50 % bis 0,70 % p. a. [2]

 

3 Der Swap als zentrales Instrument bei UCITS-Aktien-LETFs

Wie in Teil 1 angeschnitten, werden europäische Aktien-LETFs im UCITS-Rahmen ausschließlich synthetisch über Total-Return-Swaps konstruiert.

3.1 Grundstruktur: Sicherheitenportfolio und Total-Return-Swap

Die Funktionsweise eines UCITS-Aktien-LETF lässt sich in drei Schritten darstellen:

  1. Sicherheitenportfolio (Collateral-Basket)
    Der ETF hält ein Portfolio aus liquiden Wertpapieren oder Geldmarktanlagen, das als Sicherheitenportfolio dient. Dieses Portfolio gehört rechtlich zum Fondsvermögen (Sondervermögen). Seine Zusammensetzung kann sich deutlich vom Referenzindex unterscheiden, solange regulatorische Diversifikations- und Liquiditätsanforderungen erfüllt sind. Amundi beschreibt in seinem „Collateral Risk Management Framework“, dass diese Sicherheiten täglich bewertet und mit Sicherheitsabschlägen (engl. Haircuts) versehen werden, um das Kontrahentenrisiko zu kontrollieren.

     

  2. Total-Return-Swap (TRS)
    Parallel schließt der ETF mit einer oder mehreren Banken einen Total-Return-Swap ab. Die Gegenpartei verpflichtet sich, dem Fonds die Gesamtrendite des Referenzindex (inklusive Dividenden) mit einem festen Hebel gutzuschreiben. Im Gegenzug zahlt der Fonds:

    • die Wertentwicklung seines Sicherheitenportfolios und

    • einen Geldmarktsatz (z. B. SOFR oder €STR) ggf. zuzüglich eines vertraglichen Spreads. [3]

      justETF fasst dieses Prinzip zusammen: Ein synthetischer ETF repliziert seinen Index über einen Total-Return-Swap, bei dem die Gegenpartei die Indexrendite liefert und dafür eine Gebühr erhält. [4]
       

  3. Eingepreiste Finanzierungskosten
    Für den Anleger erscheinen Finanzierungseffekte nicht als separate Zinszahlung, sondern spiegeln sich in der laufenden Wertentwicklung wider: Die Finanzierungskomponenten sind bereits in der Referenzindexrendite enthalten und werden damit in die NAV-Entwicklung indirekt eingepreist. Zusätzlich wirken produkt- und umsetzungsbedingte Kosten, insbesondere TER, renditemindernd.

 

3.2 Mathematische Darstellung

Auf Basis eines kontinuierlichen Modells der geometrischen Brownschen Bewegung (Standardmodell für Aktienkurse mit zufälligen, stetigen Schwankungen) für den Index S formulieren Avellaneda & Zhang die Dynamik eines LETF mit Hebel k und Geldmarktsatz r wie folgt:

 

 

 

In dieser Darstellung sind weder Managementgebühren noch Swap-Spreads explizit enthalten; sie können modellhaft als zusätzlicher, kleiner Abzug in der Drift ergänzt werden.

 

Die Gleichung macht deutlich:

  • die lineare Hebelung der Indexrendite (kμ),

  • die laufende Zinslast auf den gehebelten Anteil (k-1)i und

  • die Grundlage für den diskutierten Volatility Drag, der sich aus der stochastischen Natur von R vom Index ergibt. [5]

 

3.3 Kontrahentenrisiko und UCITS-Rahmen

Das aus dem Swap entstehende Kontrahentenrisiko wird in UCITS-Strukturen durch mehrere Mechanismen begrenzt:

  • Tägliche Bewertung und Nachbesicherung (mark-to-market)
    Swap-Positionen werden täglich bewertet; Wertunterschiede zwischen Swap und Sicherheitenportfolio lösen Nachbesicherungsanforderungen (Anpassung der Sicherheiten an den aktuellen Marktwert) aus.

     

  • Regulatorische Gegenparteigrenzen
    UCITS-Regeln begrenzen das aus OTC-Derivaten (außerbörslich gehandelt) resultierende Kontrahentenrisiko je Gegenpartei (typischerweise 5–10 % des Fondsvermögens), was die Größe einzelner Swap-Exposures und damit die Struktur des Sicherheitenportfolios beeinflusst.

     

  • ESMA-Leitlinien zu UCITS-ETFs und anderen UCITS
    Die ESMA weist in ihren „Guidelines on ETFs and other UCITS issues“ ausdrücklich darauf hin, dass synthetische ETFs bei Swap-, Collateral- und Kontrahentenrisiko strengen Transparenz- und Risikomanagementanforderungen unterliegen, einschließlich täglicher Überwachung und Offenlegung zentraler Parameter. [6]

 

Für den Anleger ergibt sich daraus zusammengefasst:

  1. Die Hebelung wird technisch über einen Swap realisiert, nicht über einen Kredit im Depot des Anlegers.

  2. Die Indexrendite (Total Return) wird mit dem Hebel in den NAV hinein repliziert,

  3. Finanzierungskosten, ggf Spreads

  4. und Gebühren mindern diese Bruttorendite laufend,

  5. das Kontrahentenrisiko des Swap-Partners wird über Collateral, Haircuts und UCITS-Gegenparteigrenzen begrenzt.

 

In anderen Rechtsräumen, insbesondere im US-Markt, existieren Leveraged-ETFs, die ihr Hebelexposure ganz oder teilweise über Index-Futures oder Kombinationen aus Futures und Swaps herstellen, wie etwa im ProShares UltraPro QQQ (TQQQ) dokumentiert. Da das allerdings für uns nur bedingt relevant ist, wird der Aufbau solcher ETFs auf Basis von Index-Futures nicht weiter erläutert. [7]

 

4 Zins- und Finanzierungsmechanik (synthetische Finanzierung)

4.1 Grundprinzip der Finanzierung bei LETFs

Ein gehebelter ETF zielt darauf ab, die tägliche prozentuale Veränderung eines Referenzindex mit einem festen Multiplikator (z. B. 2x oder 3x) nachzubilden.
Vereinfacht lässt sich die Tagesrendite eines LETF in Lokalwährung wie folgt schreiben:

mit
R vom Index = Tagesrendite des Referenzindex,
i = kurzfristiger Geldmarktzins (z. B. SOFR oder €STR) ggf. zuzüglich eines Spreads. [5]

Eine operativ fast identische Konstruktion findet sich in den von MSCI veröffentlichten „Short & Leveraged Daily Indexes“. Dort wird die Tagesrendite eines gehebelten Index als

definiert, wobei g > 1 der Hebel, R die Tagesrendite des zugrunde liegenden Index und r ein Overnight-Referenzzins (z. B. SOFR oder €STR) ist. Der negative Term (1-g)*r entspricht ökonomisch genau den Finanzierungskosten für das geliehene Kapital. [8]

 

In der Niedrigzinsphase im Euro-Raum zwischen etwa 2015 und 2021 waren die Zinskomponenten in den Swap-Konditionen entsprechend gering und die effektiven Finanzierungskosten vieler LETFs nahezu vernachlässigbar. Mit dem Anstieg der kurzfristigen Referenzzinsen seit 2022 sind diese Zinskosten zu einem spürbaren Bestandteil der langfristigen Belastung geworden, wirken aber weiterhin nicht als separate Gebühren, sondern sind bereits in der täglichen Kursentwicklung des Fonds enthalten.

 

4.2 Zinsumfeld und Kostendynamik

Die Finanzierungskomponente gehebelter Indizes ist oftmals regelbasiert und transparent definiert: Der Referenzindex zieht einen kurzfristigen Geldmarktsatz (Overnight), gegebenenfalls zuzüglich eines kleinen, explizit definierten Aufschlags, ab. Beim Xtrackers-Produkt wird der Zinsabzug beispielsweise als „SOFR plus a fixed spread of 0.02963%“ beschrieben. [9]

Für die Tracking-Differenz zwischen Fonds und Referenzindex bedeutet das: Über lange Horizonte ist sie bei etablierten Produkten häufig nahe an der TER. In diesem Sinne ist es sinnvoll, die „Leverage-Kosten“ primär als indexseitige Finanzierungskomponente zu behandeln und auf Fondsebene vor allem TER plus geringe Residuen zu erwarten.

Nominalzins vs. Realzins: Warum „hohe Zinsen“ nicht automatisch „schlecht für Leverage“ sein müssen

Die Finanzierung wird zwar nominal belastet (Overnight-Satz), doch die ökonomische Beurteilung von Leverage hängt langfristig davon ab, welche Renditequellen Aktien im selben nominalen Umfeld erwarten lassen. In einem stark vereinfachten Kapitalmarktmodell kann die erwartete nominale Aktienrendite als

gedacht werden, also risikofreier Zins plus Equity-Risk-Premium. Unter der Annahme, dass Finanzierung exakt zum risikofreien Satz möglich ist und die ERP stabil bleibt, kürzt sich der nominale Zins in der Gegenüberstellung teilweise heraus: Höhere nominale Zinsen erhöhen dann zwar die Finanzierung, erhöhen aber zugleich die erwartete nominale Aktienrendite.

In der Praxis sind diese Voraussetzungen jedoch nur eingeschränkt erfüllt: Die ERP ist zeitvariabel, Risikoaversion und Bewertungsmultiplikatoren ändern sich, und das kurzfristige Zusammenspiel aus Zinsen, Wachstum und Risiko kann stark schwanken. Deshalb gilt: Kurzfristig kann ein hohes Zinsniveau Leverage deutlich stärker belasten, als es das vereinfachte Modell nahelegt.

Inflation und negative Realzinsen: temporärer Rückenwind ist möglich, aber nicht garantiert

Zusätzlich ist zwischen Nominalzins und Realzins zu unterscheiden. Für den Anleger ist langfristig relevant, welche Realrendite erzielt wird. Wenn Inflation unerwartet stark ansteigt, während Zentralbanken ihre Leitzinsen nur schrittweise anpassen, kann es zu Phasen negativer Realzinsen kommen. In einer realen Betrachtung sinkt dann die reale Finanzierungslast, selbst wenn die nominale Finanzierung mechanisch weiterhin an Overnight-Sätzen hängt.

Solche Phasen können für gehebelte Aktienexposures unterstützend wirken, weil der reale Diskontierungszins (reale Abzinsungsrate) niedriger ist und nominale Unternehmensumsätze und Gewinne in Inflationsphasen tendenziell mitsteigen können. Gleichzeitig ist das kein Automatismus: Inflationsschocks können parallel zu Bewertungsrückgängen, Gewinnmargendruck und höherer Volatilität auftreten. Deshalb sollte die Aussage auf lange Horizonte und als ökonomische Einordnung begrenzt werden: Nominalzinsen allein sind kein ausreichender Indikator; entscheidend ist das Zusammenspiel aus Finanzierung (nominal), erwarteter ERP, Volatilität sowie dem Realzinsumfeld, das sich insbesondere in Inflations-Übergangsphasen deutlich von der Nominalzinsbetrachtung unterscheiden kann. [9]

 

4.3 Basiszinsdifferenzen in der indexseitigen Finanzierung

Zwei UCITS-LETFs können auf den ersten Blick nahezu identisch wirken (z. B. „2x USA, täglich“), aber dennoch über längere Zeiträume deutlich auseinanderlaufen. Unterschiede im Aktienuniversum (z. B. MSCI USA vs. S&P 500) existieren, sind für die hier beobachteten Abstände jedoch häufig nachrangig. Die Gesamtabweichung entsteht in der Praxis aus mehreren Komponenten, insbesondere Wechselkursbewegungen (USD/EUR), Finanzierungskosten und deren Indexkonventionen, sowie Kosten- und Umsetzungsdifferenzen (Gebühren, Tracking).

Dieses Unterkapitel isoliert bewusst den Finanzierungsteil und erklärt, wie unterschiedliche Finanzierungssatz- und Währungskonventionen eine systematische Drift verursachen können.

Ein 2x-Strategieindex bildet die doppelte tägliche Aktienrendite ab und reduziert diese um Finanzierungskosten für den zusätzlichen Kapitaleinsatz. Vereinfacht lässt sich die tägliche Indexrendite als

darstellen, wobei r von fin der maßgebliche kurzfristige Finanzierungssatz (zuzüglich ggf. Spread) ist. Entscheidend ist: Je nach Indexkonstruktion ist r von fin an einen EUR- oder USD-Geldmarktsatz gekoppelt. Bei identischem Hebel k = 2 wirkt die Finanzierungskomponente näherungsweise in Höhe von (k-1)*r von fin, also bei ungefähr „einmal“ auf das Eigenkapital.

Bei einem EUR-denominierten 2x-Index auf US-Aktien wird die Aktienrendite in der Indexberechnung typischerweise in EUR ausgedrückt, die Finanzierungskomponente orientiert sich jedoch an einem EUR-Overnight-Satz. Bei einem USD-basierten 2x-Referenzindex erfolgt der Finanzierungseinbehalt dagegen auf Basis eines USD-Overnight-Satzes. Über längere Zeiträume kann daraus eine Differenz im Netto-Return resultieren, wenn USD-Geldmarktsätze über EUR-Geldmarktsätzen liegen.

Dieser Drift beschreibt nur den Finanzierungseffekt unter sonst gleichen Bedingungen; er erklärt nicht allein die gesamte Differenz der EUR-Performance, da Wechselkurseffekte und weitere Kostenterme parallel wirken und sich je nach Zeitraum überlagern können.

Numerisches Beispiel (Illustration)

Angenommen:

  • EUR-Overnight-Satz: r von EUR = 2,5% p.a.

  • USD-Overnight-Satz: r von USD = 5,0% p. a.

  • Hebel: k = 2

Dann unterscheiden sich die jährlichen Finanzierungseinbehalte grob um:

Das bedeutet: Bei ansonsten vergleichbarer Aktienentwicklung und identischer Wechselkurswirkung (d.h. wenn man den FX-Einfluss separat betrachtet) liefert der Index mit USD-basierter Finanzierung strukturell rund 2,5 Prozentpunkte pro Jahr weniger als der Index mit EUR-basierter Finanzierung, bevor zusätzliche Umsetzungskosten, Gebühren oder Tracking-Differenzen berücksichtigt werden. In Phasen stark auseinanderlaufender USD- und EUR-Geldmarktsätze kann dieser Finanzierungseffekt daher einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Divergenz zweier scheinbar sehr ähnlicher 2x-USA-Produkte leisten.

 

4.4 Tracking-Differenzen, Performance Drift und Kostenwirkung

Ein zentraler, oft missverstandener Effekt gehebelter ETFs ist der sogenannte Performance Drift, also die Abweichung zwischen der tatsächlichen Entwicklung des ETFs und der theoretischen Multiplikation der Indexrendite des ungehebelten Äquivalent über denselben Zeitraum (z. B. Index x 2 gegenüber einem 2x LETF).

Diese Abweichung ist kein Produktfehler, sondern die zwangsläufige Folge mehrerer gleichzeitig wirkender Komponenten:

 

*Die Spannweiten sind Größenordnungen, wie sie in öffentlich einsehbaren Indexpapieren und Jahresberichten großer Anbieter für liquide Aktien-LETFs beobachtet werden können. Sie sind nicht als harte Grenzen zu verstehen.

 

Nur die TER ist explizit im Produktblatt ausgewiesen.
Finanzierungskosten mit ggf. Spreads und Tracking-Differenzen fließen implizit in die tägliche NAV-Entwicklung ein. Formal gilt daher über längere Zeiträume:

selbst dann, wenn der LETF täglich sehr präzise den Zielhebel k auf die Tagesrendite erreicht. [8]

Der Mechanismus lässt sich gut am Hebel-Index-Konzept von MSCI und FTSE ablesen:
In beiden Fällen wird der tägliche Hebel-Index so berechnet, dass er (1) die gehebelte Tagesrendite des zugrunde liegenden Index abbildet und (2) die Zinskosten auf das gehebelte Kapital über einen Overnight-Referenzsatz (z. B. ESTR oder SOFR) berücksichtigt. Damit ist per Konstruktion klar, dass längere Haltezeiträume zu einer Abweichung gegenüber „einfach Index x  Hebel“ führen, weil die Zinskomponente jeden Tag eingepreist wird und sich geometrisch kumuliert. [10]

In der Praxis zeigt sich der Performance Drift besonders deutlich

  • in volatilen Seitwärtsmärkten und

  • bei längeren Haltedauern,
     

weil Volatility Drag und laufende Finanzierungskosten immer mehr ins Gewicht fallen.

In stabilen Aufwärtstrends mit moderater Volatilität kann der Drift dagegen gering sein oder sogar positiv wirken:
Die tägliche Hebelung verstärkt die Wirkung des Trends, während der Volatility Drag relativ klein bleibt. In solchen Phasen liegt der LETF über dem, was eine einfache Rückrechnung „Index x k“ vermuten lässt und das trotz Kosten.

Unter Performance Drift ist daher immer zu verstehen:

Die reale, über den Anlagehorizont kumulierte Abweichung zwischen der Nettoperformance eines LETFs und der theoretischen Zielrendite, die sich aus einer einfachen Multiplikation der ungehebelten Indexrendite mit dem Hebel ergeben würde.

Neben Gebühren und Rebalancing-Effekten kann in seltenen Marktphasen auch ein Hard-to-Borrow-(HTB)-Effekt zur Tracking-Differenz beitragen.
Gemeint sind Situationen, in denen für die Replikation der gewünschten Exponierung (z. B. über Derivate- oder Hedge-Komponenten) Marktliquidität sinkt und sich Leih- bzw. Finanzierungskonditionen abrupt verschlechtern.
Dadurch steigen die impliziten Carry- und Umsetzungskosten, was die tägliche Nettorendite spürbar belastet und einer Reduktion des wirksamen Hebels entsprechen kann.

Ergänzend dazu enthalten viele Produkte und/oder Indexmethodologien Regelwerke für Market Disruption- oder Extremereignisse (z. B. außergewöhnliche Preisbewegungen, illiquide Märkte), in denen das Exposure temporär begrenzt, das Rebalancing angepasst oder in Ausnahmefällen ausgesetzt werden kann.
Auch wenn solche Mechanismen selten greifen, sind sie als Stressszenario relevant, weil sie in genau den Phasen auftreten, in denen Drift und Abweichungen zur idealisierten Hebelabbildung ohnehin am stärksten werden.

Die in der Tabelle angegebenen Größenordnungen basieren auf einer Kombination aus Produktunterlagen führender UCITS-LETFs (Amundi, Xtrackers, Lyxor) und Index-Methodiken (MSCI, FTSE Russell) sowie empirischen Studien zu Leveraged ETFs. Diese Quellen zeigen, dass:

  • (i) die Finanzierung des Hebels typischerweise an Overnight-Referenzsätze (SOFR/€STR) gekoppelt ist, zuzüglich einer Liquiditäts- und Kreditmarge im Bereich weniger Zehntel Prozentpunkte,

  • (ii) die Swap-Spreads für Total-Return-Swaps auf liquide Aktienindizes typischerweise im Bereich von um die 10 Basispunkten liegen,

  • (iii) UCITS-LETFs auf breite US-Indizes TERs von etwa 0,35–0,60 % p.a. ausweisen und

  • (iv) die beobachteten Tracking-Differenzen synthetischer 2x-ETFs in der Praxis meist zwischen rund 0,5 % und gut 1 % p.a. liegen [11]

 

5 Langfristige Wirkung der Kosten

In vorherigen Abschnitten wurde gezeigt, dass sich die geometrische Wachstumsrate eines gehebelten ETFs unter einfachen Modellannahmen näherungsweise schreiben lässt als

wobei μ die erwartete Indexrendite und 𝜎² die Varianz der Indexrenditen bezeichnet. Für die weitere Analyse werden die laufenden Kosten (Verwaltungsgebühren, Finanzierungskostenmit ggf. Spreads, Replikationskosten) zu einem jährlichen Gesamtkostensatz Kosten zusammengefasst. In einem einfachen Modell ergibt sich dann eine effektive Wachstumsrate

Damit wirkt die Kostenkomponente formal wie ein zusätzlicher negativer Term in der geometrischen Renditeformel, neben dem Volatility Drag.

Beispielhaft sei ein 2x-LETF auf einen Index mit erwarteter Rendite μ = 8% und Volatilität 𝜎 = 15% betrachtet. Ohne Berücksichtigung von Kosten ergäbe sich näherungsweise

Unter der Annahme eines konstanten jährlichen Gesamtkostensatzes von 3 % p.a. reduziert sich die Wachstumsrate in diesem Modell von 11,5 % auf etwa 8,5 % p.a.

Gegenüber der Erwartung von ergibt sich somit ein jährlicher „Bremseffekt“ von 7,5 Prozentpunkten, der sich aus zwei Komponenten zusammensetzt: etwa 4,5 Prozentpunkte Volatility Drag und 3 Prozentpunkte laufende Kosten.

Da Kosten als prozentuale Abzüge vom Fondsvermögen wirken, ist ihre langfristige Wirkung auf das Endvermögen exponentiell. Eine dauerhafte Kostenbelastung von 2 % p.a. führt über 20 Jahre zu einem Reduktionsfaktor von

das heißt zu einem Endvermögen, das rund 33 % unter dem einer hypothetisch kostenfreien Anlage liegt. Bei 3 % p.a. reduziert sich das Endvermögen auf

entsprechend einem Verlust von über 45 % gegenüber dem kostenfreien Referenzfall. Kosten sind damit, neben Volatility Drag, der zweite systematische Bremsterm der langfristigen Performance.

 

6 Entstehungsort der Kosten

Bei UCITS-LETFs ist es zentral, zwischen der Konstruktion des Referenzindex und den tatsächlichen Fondskosten zu unterscheiden. Anders als bei klassischen (ungehebelten) Kurs- oder Total-Return-Indizes ist der Referenzindex bei LETFs häufig ein gehebelter Index, der die tägliche Hebelwirkung regelbasiert abbildet und dabei einen Finanzierungsterm (Overnight-Satz, ggf. zuzüglich eines definierten Spreads) bereits in der Indexberechnung berücksichtigt.
In diesem Sinne findet ein wesentlicher Teil der „Leverage-Kosten“, insbesondere die Finanzierung des zusätzlichen Exposure, auf Indexebene statt.

Auf Fondsebene fallen demgegenüber primär die laufenden operativen Kosten an, insbesondere die TER (Verwaltung, Depotbank, Regulierung, Administration). Zusätzlich kann die Fondsrendite vom Referenzindex durch Umsetzungs- und Kontrahentenfaktoren abweichen, die nicht vollständig transparent oder ex ante exakt quantifizierbar sind.

Diese Gesamtabweichung zwischen Index- und Fondsperformance wird als Tracking-Differenz sichtbar. Über lange Zeiträume zeigt sich empirisch häufig, dass die Tracking-Differenz in der Größenordnung der TER liegt, wenn die Umsetzung effizient ist und der Referenzindex die Finanzierung bereits modelliert.

  

Quellen:

[1] ESMA, 2014: Guidelines on ETFs and other UCITS issues

[2] ICI, 2024: Ongoing Charges for UCITS in the European Union

[3] Amundi: Counter Party – Collateral Risk Management Framework

[4] justETF, Swap ETFs: Synthetic replication of ETFs

[5] Avellaneda & Zhang, 2010: Path-Dependence of Leveraged ETF Returns

[6] ESMA, 2010: Guidelines on Risk Measurement and the Calculation of Global Exposure and Counterparty Risk for UCITS

[7] ProShares UltraPro QQQ Summary Prospectus

[8] MSCI, 2021: Methodology – Short & Leveraged Daily Indexes

[9] Xtrackers S&P 500 2x leveraged ETF KID, 10.11.2025

[10] FTSE Daily Leveraged Indices, 2025

[11] Xtrackers Annual Report 2023 (LU0411078552)

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